Rage against the machine

Written by Franz Weninger on the 18th of September 2018

Nach einer heftigen Facebook-Diskussion im vorherigen Jahr war für mich klar, wie mein Lese-T-Shirt 2018 aussehen würde.

Wir sind bekennende Handleser. Nicht aus Dogmatismus, sondern vor dem Hintergrund kultureller Aspekte. Natürlich wird es auch für uns immer schwieriger, die dafür notwendigen Menschen zu finden, doch wir geben die Handlese bestimmt nicht auf. Eine Reihe von Gründen sind dafür ausschlaggebend.

In der besagten Facebook-Diskussion wurde mir schnell klar, dass ich mit Qualitätsbedenken gegen die Verfechter der Lesemaschine nicht ankommen werde. Gut möglich, dass Bedenken hinsichtlich der Qualität der gelesenen Trauben dank der neuen Generation der Lesemaschinen ausgeräumt sind, zumindest auf den ersten Blick. Doch es geht um viel mehr. Ein bezeichnendes Beispiel: Als mein Sohn in der Schule an einem Klassenprojekt teilnahm, bei dem es um Weinbau ging, wurde die Lesemaschine als die Zukunft dargestellt, die Handlese hingegen lief unter „früher“, als veraltet und überholt.

Die Realität in unserer Region spricht Bände: in Deutschkreutz sind bestimmt mehr als zehn Maschinen unterwegs und auch in Horitschon dürfte mittlerweile mehr als die Hälfte der Winzer maschinell ernten. Meine Argumente gegen das Abschlagen (Rütteln) der Reben führten ebenfalls ins Leere. Schon klar: viele Tätigkeiten, die der Winzer verrichtet, wie etwa die Entfernung von Laub und Trieben verletzen so gesehen auch die Rebe. Hier wird dann auch schnell klar, dass selbst ein biodynamischer Weinbauer ein Kulturpfleger ist und diese Tätigkeiten mit der Natur wenig zu tun haben – auch der Begriff „Naturwein“ führt so in die Irre, aber das ist eine andere Geschichte. In der Kultur der Bewirtschaftung macht der Mensch alles Mögliche, um den Wein besser zu machen, doch er bezieht das Wohl der Rebe mit ein. Einfach weil er lange mit ihr arbeiten will.

Spricht man mit Winzern, kommt – und das ist gut so – immer der Boden ins Spiel. Welche Charakteristik und Geschmacknuancen verleiht dieser oder jener Bodentyp dem fertigen Wein, wie wird er bearbeitet, begrünt, gepflegt. Seine Bedeutung können wir gar nicht hoch genug schätzen und wer mich kennt, weiß, dass mir der Ausdruck des Bodens wichtiger als die Rebsorte ist, bei aller Liebe zum Blaufränkisch, versteht sich. Alle sprechen über Böden und immer mehr befahren sie mit schwerem Gerät. Wie verheerend sich die daraus resultierende Bodenverdichtung auf das gesamte Ökosystem Weingarten auswirkt, kann doch nicht einfach unter den Tisch gewischt werden!

Ich erinnere mich gut daran. Als Kind half man gerne bei der Lese mit, denn neben der harten Arbeit (meist mit Gummistiefeln, um dem oft nassen Herbst zu trotzen), gab es viel zu reden, die Pensionisten des Ortes erzählten Geschichten, langweilig wurde es nie. Es wurden „Spritzer“ oder Traubensaft getrunken, es wurde gegessen, wir saßen auf Bänken im Weingarten. Kein Wunder, Essen bringt die Leute zusammen. Während der Ernte „wurlte“ es in den Rieden geradezu und ich kann mir vorstellen, dass selbst die Reben diese Zeit liebten…

Es ist müßig, das Gegenbild zu zeichnen aber ich denke, dass jedem klar sein muss, dass alleine das Geräusch einer Lesemaschine dem Vergleich mit dem Menschenlärm einer Lesegruppe niemals standhalten kann.

Denken wir an die Landwirtschaft und blicken wir ein weiteres Mal in die Vergangenheit. War es nicht ganz genau so beim Mähdrescher? Früher standen 100 Arbeiter mit dem Dreschflügel am Feld, heute sind sie alle – bis auf den Fahrer – obsolet. Konnte man früher in unserer Region mit 15 Hektar Land das Auskommen finden, braucht heute ein Landwirt 200 ha. Selbst dann wird er zum Förderungsempfänger und zum Stimmvieh der Politik degradiert. Ein stolzer, freier Bauer sieht anders aus.

Wir leben und arbeiten derzeit in einem Teil der Landwirtschaft, dessen Produkte noch Wert haben. Wir als Weinbauern werden geschätzt, unsere Weine finden (manchmal weltweite) Beachtung. Doch wenn wir den Weinbau immer weiter industrialisieren, werden wir unausweichlich dort enden, wo jetzt die Landwirtschaft steht. Wie wir unsere Weingärten bewirtschaften, werden am Ende nicht wir bestimmen, sondern eine Richtlinie, und indirekt werden wir zu Angestellten eines Systems, das alles andere als nachhaltig und zukunftsweisend ist. Das wird dann der Zeitpunkt sein, in dem „früher“ tatsächlich besser als heute wird…

Darum werde ich mein Ernte-T-Shirt RAGE AGAINST THE MACHINE mit Stolz tragen.

Zu kaufen bei uns: T-shirt (weltweiter Versand)

Um die Handlese in Österreich zu fördern haben wir das Design an befreundete Winzer freigegeben. Großer Dank an die Kollegen die mitmachen! Weitere Winzer können sich gerne melden.

T-Shirt-Design: Christoph Gratzer

Nachhaltige Landwirtschaft erfordert Commitment. Das Pflanzen von Bäumen, das Pflegen von Hecken, das Halten von Schafen in den Weingärten, die händische Lese "Rage against the Machine" sind alles Dinge, die wir aus Überzeugung tun, aber leider nicht mehr selbstverständlich sind. Diese Dinge sind aber nur möglich, wenn auch Sie als Konsument sich dafür begeistern und uns Rückhalt geben. Dies können Sie tun, indem Sie unsere Weine kaufen. Aber noch viel besser, indem Sie uns durch ein Abo regelmäßig und langfristig unterstützen. Erfahren Sie hier mehr über unser Solidarische Abo.

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