Emily Campeau

Es gibt Leute, die behaupten, ich sei besessen von österreichischem Wein. Sie haben Recht. Wie kann es in einem Land so viele Rebsorten geben, die das Terroir geradezu aufsaugen? Zu Weninger kam ich als Praktikantin, weil mich der Blaufränkisch rief. Und auch weil ich das Wirtschaften an einem Weingut dieser mittleren Größe beeindruckend und romantisch finde. Spricht man mit Franz Weninger über die unterschiedlichen Lagen auf seinem Weingut, könnten einem schwindlig werden vor lauter Namen (an deren Aussprache ich - zu großer Freude meiner Kollegen - kläglich scheitere), Bodenstrukturen, dreckiger Witze, Geschichte und Hintergrundwissen über einige der berühmtesten Parzellen des Mittelburgenlands. All das in einem Atemzug, der Mann kennt keine Pause. Ok, och kam wegen des Blaufränkers her, bin aber geblieben. Dank sei der enthusiastischen Wissensvermittlung, der Gastfreundlichkeit im Weingut (und im Hause Weninger), dem Willen eines jeden einzelnen in der Mannschaft, mir dabei zu helfen, die Philosophie von Weninger bis in die letzte Faser verstehen zu lernen. Vielleicht bleibe ich für immer hier, wer weiß.

© Fannie-Laurence Dubé Dupuis

Verkostungsnotizen von Emily Campeau

Oh Dunkelheit, nimm mich an der Hand. Ich habe Angst vor dir und fühle mich doch hingezogen. Der Kalkofen ist derart komplex, dass es beinahe beängstigend ist. Alles an diesem Wein ist wie der Gang in eine tiefe Höhle, voller blauer und purpurner Beeren, getrockneter Kräuter, einer Handvoll neuer Ledergürtel, dazu ein kleiner Hund und sonnenverbrannte Ziegel. Alles, was man für eine gute Party braucht. Kalkofen ist eine Lage, die viel Kraft verleiht, die aber bei Franz dank der eng verwobenen Tanninstruktur eine bodenständige Erdigkeit hat. Diese Tannine, sie haften gerade so lange an dir, wie du Zeit hast. um ein Stück getrockneter Wurst aus dem Kühlschrank zu holen.

Dieser Wein zeigt sein Reifepotential bereits. Er ist gekommen, um zu bleiben und mit dir alt zu werden. Ich könnte ihn heute trinken, in 5 Jahren, in 10 Jahren und werden glücklich sein, immerzu.

Während der Kalkofen ein geheimnisvoller Liebhaber ist, ist der Kirchholz ein durch und durch guter Ehemann. Er hat Schultern, an denen man sich anlehnen kann, ist seriös, wenn man mit ihm sprechen möchte, er ist aber auch für Spaß zu haben, dabei ein reiner Geist, einzigartig und aufgeschlossen. Er gibt dir all die Liebe, die du ihm entgegenbringst zurück. Kirchholz ist kein leichter Wein, man kann ihn aber mit Fug und Recht als Offenbarung eines Blaufränkischen sehen. Alles ist am richtigen Platz. Er scheint einen fröhlichen Wettstreit zu veranstalten zwischen der Frucht, einer pikanten Säure und der klaren, linearen Tanninstruktur. Diese Lage wird seit 2003 einzeln ausgebaut weil sie eben ihre eigene Sprache sprach. Als ich in der letzten Nacht im keller alle gärenden Weine verkostete, verkündete der Kirchholz 2018 genau diese Botschaft: "Ich liebe es, wenn du mich trinkst".

Diesen Wein hatten wir gestern zum Abendessen. Ich sagte sowas wie: "Ich möchte eine Flasche von diesem Wein jeden Tag trinken". Ich habe zwar den Ruf, dass ich jeden Winzer, den ich kenne, unter den Tisch trinken kann, aber das ist nicht der Grund. Bei Rosé können die Weine so viele verschiedene Wege gehen, je nachdem, für welchen Stil man sich entscheidet. Dieser Wein fällt unter die Kategorie "gefährlich trinkfreudig". Er zeigt viel Frucht, diese wird aber durch eine sanfte Reduktion gezügelt. Ein trübes, wildes Biest, das dich erröten lässt. Der Rózsa Petsovits schmeckt wie ein gutes Essen an einem Abend mitten in der der Ernte. Er beflügelt Gespräche, die bis weit in die Nacht, viel länger als vernünftig, andauern. Eiegnetlich sollte man immer zwei Flaschen dabei haben, die erste hat irgendwie immer ein Loch...

Die Flaschenpost ist unser Weinabo. Dieses sorgt für den Genuss der von uns zusammengestellten Weine, inklusive der spannenden Kostnotizen unserer Gastautoren. Unsere Flaschenpost im Herbst 2018 wurde von Emily Campeau vorgestellt. Sie ist Sommelière im Restaurant Candide in Montréal, Kanada, und diesen Ernteherbst in unserem Keller zu finden.

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